Erfurt Ende 2025

 

Sonntag, 28.12.2025

 

Sonntagfrüh. Die letzte Zeitspanne des Schlafes war unangenehm. Eine Schlafmaske gegen das nächtliche Ersticken bedarf einer längeren Gewöhnung.

7:30 – Der Wecker beendet die Unruhe. Aufstehen, fertigmachen und frühstücken in Einem. Kameratasche ist gepackt, der Rucksack auch.

8:08 – Zur Bahn, nein nochmal zurück: Akku vergessen.

8:10 – Zur Bahn, nun aber schnelleren Schrittes. Pünktliche Abfahrt mit der S6 von Worms bis zum Römischen Theater. Von dort: pünktliche Abfahrt mit der S8 nach Frankfurt. Vom S-Bahnhof tief bis nach hoch auf Gleis 8 zügig die steilen Treppen rauf – dabei etliche Rolltreppenfahrende überholt. Wenn man den ganzen Tag in der Bahn sitzt, muss man zusehen, woher man Bewegung bekommt.

Von Gleis 8 per Regionalexpress über Fulda bis nach Bad Hersfeld. Im Zug Amy kennengelernt und fotografieren gedurft.

In Bad Hersfeld, nebligkalt, fiel die die Bahn nach Bebra aus. Menschen fluchten. Fotografierend ums Viereck zum Zeitvertreib. Die nächste Bahn nach Bebra war aber auch zeitlich zufriedenstellend, denn dort bekam ich immerhin doch noch den ursprünglich geplanten Anschluss nach Eisenach am Gleis gegenüber. Im Zug: Hunger – Brot – Café latte kalt. Lektüre einer Predigt über den Sündenfall und dessen Bedeutung für das Evangelium.

Umsteigen in Eisenach und stehend nach Erfurt. Auskünfte gegeben darüber, dass die Bahn auch in Gotha hält.

13:34 – Ankunft in Erfurt. Ausgang Schillerstraße jenseits der Innenstadt. Kam mir noch alles bekannt vor. Sonnenschein aber arschkalt. Angst vor Glätte der Passanten war aber doch übertrieben.

Durch den Schillerpark und Mehrparteienwohngebiet, hinter dem Steigerwald-Stadion entlang bis hin zum neuen jüdischen Friedhof – mit diesem Friedhof hatte ich seit meinem letzten Besuch noch eine Rechnung offen – nun hatte ich mehr Zeit, um ihn mir fotografisch zu erschließen.

Zurück in die Stadt, entlang der Straßenbahn nun aber vor dem Steigerwald-Stadion marschierend. Durchgehende Gedanken zum In-Szene-Setzen der kolossalen Flutlichtmasten. Die Sonne stand schon tief gegen 15 Uhr, als ich auf den Juri-Gagarin-Ring stieß.

Plattenbauten linkerhand, gigantisch groß. Altbauten rechts, darunter ein verlassenes Haus mit gewölbten Toreingang. Dieser Eingang war durch einen Plattenverhau verrammelt, darin eine Tür ohne Griff. Kurz daran gerüttelt - die Tür kam mir entgegen. Kurzentschlossen trat ich rein in den Eingangsbereich (wo noch die Briefkästen von einst hingen) und zog dir Tür hinter mir notdürftig wieder zu. Hatte keiner gesehen. Kurios, aber dennoch gar nicht mal so ungewohnt in meinem Leben: Von jetzt auf gleich stehe ich im lost place. Hohe Wände, kahle Zimmer und viel Müll. Was, wenn ich hier drinnen in den unzähligen Räumen jemanden antreffe? Knarrende Treppen, wenig Details und leider auch wenig Licht.

Stockwerk für Stockwerk erklimme ich die Höhe und gehe die Zimmer der Wohnungen auf den Etagen durch. Fotografiere die Fluchten auf Fluren mit offenen Türen und runterhängenden Tapeten im Bild. In einem Kinderwagen liegen Spraydosen. Im Badezimmer Seife von fa, eine Zahnbürste. Details aber wenig Licht hier. Hatte ich den Müll bereits erwähnt?

Ausblicke in den Innenhof.

In der Dachwohnung, ehemals die Wohnung von C. Simsel – laut Schild an der hohen, hölzernen Wohnungstür, richtete sich mal jemand häuslich ein. Das Ablaufdatum der Warsteiner-Flaschen: 2023.

Im müllüberhäuften Nebenzimmer kam bereits ein Teil der Decke herunter. Da war nun ein Loch, das die Sicht auf Dachgebälk freigab.

Den Austritt aufs Dach verkneife ich mir, trotz lohnender Perspektive auf die Stadt, ebenso das Erklimmen des Speichers über eine schmale Stiege. Keine Experimente.

Was nahm ich mir mit von hier? Eine Cyborg-Puppe, wie es sie mal im Happy Meal bei McDonalds gab.

Nun zum Hotel am Bahnhof. So detailreich die Fassadendekorationen hier in Erfurt.

Bahnhofsvorplatz, zwei blonde Kifferinnen haben sich was gebaut. Gefaltetes Papier fliegt achtlos auf den Boden.

Konfusion im Hotel. Meine Reservierung vom Vortag wurde nicht gefunden. Im futuristischen Frühstücksraum, gleich bedeutend mit Hotelbar und Lobby, warte ich auf Klärung. Dass die Nutzung der Kaffeemaschine gratis war, habe ich leider erst später herausgefunden.

Zimmerbezug in 148 zügig. Danach in die Stadt. Zwischenzeitlich wurde es ja dunkel. Und frostig. Und klamm. Was das ein oder andere Ostmädchen aber nicht vom bauchfreien Dress abhielt.

Kreuz und quer durch Erfurt, um mir noch so viel wie möglich an diesem Abend zu erschließen.

Ärger mit der Sony. Ich brauche wohl eine Neue für das Hosentaschenformat.

Lust auf McDonalds, aber der Bestellvorgang am Automaten und die Schlange schreckt mich ab.

Brot und Bier aus der Heimat am zentralen Platz, im Dunklen, bis die Finger frieren.

Eine Weile noch weiter durch die Stadt. Passanten beobachten, Schaufenster schauen. Unweit der Krämerbrücke zog mich die orientalisch-sudanesische Küche an. Kleiner Gastraum mit Fenstern zur Straße. Im Einmannbetrieb wurde sich ordentlich Mühe gegeben. Der Grillteller war sehr lecker – alles richtig gemacht. Darüber war ich froh und glücklich, denn für gewöhnlich suche ich lange, kann mich nicht entscheiden, finde jedes Angebot zum Abendmahl abschreckend – die Preise, die Kundschaft, das Essen selbst.

Immer noch früh am Abend ging ich zurück zum Hotel neben dem Bahnhof. Im Frühstücksraum, an der Bar auf eine Weizenbierbestellung wartend, bringe ich diese Zeilen zu Papier.

Die Weizenbierbestellung gab ich irgendwann auf, weil das Frollein nicht kam. Entkoffeinierter Kaffee, sehr heiß, tat es auch – nachdem ich verstand, dass dieser Automat für die Hotelgäste gratis zur Verfügung stand.

 

Montag, 29.12.2025

 

Nun habe ich den ganzen Tag in Erfurt zur Verfügung, der mit einem ordentlichen Frühstück begann.

Anschließend ging es per pedes und gelenkt und geleitet von google maps auf den Kopfhören zum alten jüdischen Friedhof der Stadt. Natürlich ist maps in der Fußgängervariante nur über Audio auch ein gewisses Abenteuer in sich. Aber ich habe es geschafft.

In der Nähe der alten Begräbnisstätte nahm mich die Straßenbahn auf, sie sollte mich zum Hauptfriedhof bringen. Saß aber in der falschen Bahn. Also aussteigen, umsteigen und wieder zurück – um an selber Stelle nun die richtige Bahn zu nehmen.

Nach dem Aussteigen: Unter kaltem Wind passierte ich die Straße, die Schienen und hielt direkt auf den Eingangsbereich zu. Diese sehen in Deutschland auch alle immer wieder gleich aus.

Gräber unter Rauhreif, Napoleons Soldaten, die Russen, die Deutschen – auch sog. Märzgefallene von 1920 (Kapp-Lüttwitz-Putsch).

Nach einigem Umherstreifen unter fotografischer Absicht ließ ich mich sodann von der Straßenbahn bis zum Dom zurück in die Innenstadt bringen.

Über den großen Platz, Weihnachtsmarkt-Abbautätigkeiten, die steilen Treppen rauf zum Dom – und der auf gleichem Hügel nebenan liegenden St.Servatius-Kirche.

Was ich erahnte: letztgenannte Kirche war, nicht nur wegen der Heiligen drei Könige und deren Kamel, fotografisch interessanter als der Dom. Was mich in beiden Kirchen erstaunte: Es war drinnen kälter als draußen.

Von der Domhaltestelle fuhr ich anschließend mit dem Bus raus in den nördlichen Stadtteil Marbach. Hier war der nächstgelegene Friedhof. Tatsächlich gibt es in Erfurt innerstädtisch keinen Friedhof, abgesehen von einem Kolumbarium in einer Kirche, das aber nicht zugänglich war.

Auf dem Weg nach Marbach habe ich die Hälfte meiner Tagesverpflegung gegessen (das andere Brötchen auf der Rückfahrt). In Marbach, etwas trostlos, muss ich mich orientieren: Wie komme ich zum Friedhof? Und von welcher Haltestelle komme ich anschließend wieder in die Innenstadt zurück?

Die modernen Navigations- sowie Bahn- und Busfahrtplanungs-App haben es für mich gerichtet.

Mein nun durchgefrorener Zustand gab schließlich, bei der Rückankunft an der Domhaltestelle, den Befehl, zum Hotel zurückzugehen. Dort habe ich das Aufwärmen tatsächlich mit dem Schließen der Augen in der Horizontalen verbunden.

Kurz Zeit danach ging es wieder raus – Erfurt bei Nacht. Mit dem kleinen Stativ und der Sony im Einsatz. Bislang unbekannte Straßen zur Innenstadt hin erlaufen. Krämerbrücke.

Ausnahmsweise habe ich mir dann tatsächlich im Goldenen M einen großen Hamburger gegönnt.

Sodann bereit für die restliche Abendzeit im Hotel, was mir eigentlich widerstrebt, ging ich langsam zurück in die entsprechende Richtung auf den Hauptbahnhof zu.

Dann passierte es.

Erst höre ich es aus der Ferne und kann es kaum zuordnen. Dann denke ich mir aber doch zusehends, warum da Rammstein singt? Dann sehe ich sie, vom Bahnhof her kommen sie auf der Straße in meine Richtung: Eine Art Pegida-Demonstration. Vorne alte Frauen hinter einem Banner, professionell-verbittert im Gesicht. Ihre Botschaft: Deutschland stirbt.

Ob die Alten aber wissen, wer hier zuerst stirbt?

Ich kann mir vorstellen, dass derlei Leute wirklich und wahrhaftig Angst, wenn nicht sogar Schmerzen haben, bei ihrer Version des Demonstrations-Anliegens.

Doch dann müssen sie zum Arzt. Und nicht die Straßenbahn blockieren, die geduldig und mit hohem Migrationsanteil darin langsam hinterher zuckelte.

Alle Fotos aus Erfurt von dieser Tour befinden sich einsortiert unter Thüringen - hier.