„Vögel sind hervorragende Indikatoren für Umweltveränderungen und zeigen so den Zustand von Ökosystemen an.“ (Katrin Eder, Ministerin für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität)
Über eine Wendeltreppe stieg ich hinauf in den zweiten Stock des Naturkundemuseums in Mainz. Was war hier los am Freitag, 6.3.2026? Die Rote Liste der Brutvögel, im Bereich Rheinland-Pfalz, wurde vorgestellt. Referent und verantwortlich für diese umfangreiche Studie: Dr. Christian Dietzen vom Landesamt für Umwelt (im Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität in Rheinland-Pfalz.
Der Präsident des Landesamtes, Dr. Dirk Grünhoff, begrüßte zunächst die etwa 50 interessierten Zuhörer und Zuhörerinnen, bevor er dem Experten das Wort für dessen etwa einstündigen Vortrag übergab.
Zunächst wurde dem Publikum mitgeteilt, dass es sich bei der vorliegenden Studie (108 Seiten, reich bebildert) um die nunmehr 7. Fassung der Roten Liste der Brutvögel handelt. Diese Listen bauen aber nicht aufeinander auf und es können nur im Ansatz Bezüge zu den Vorgängerlisten hergestellt werden – Methoden der Erhebung ändern sich – und diese Methoden und ihre statistische Verwertung verbessern sich.
Im Folgenden wurden das Kriterien-System der Studie vorgestellt und sperrige Begriffe wie Risikofaktoren, Gefährdungsbeurteilung und Erhaltungszustände erläutert und die zahlreichen symbolischen Angaben und Abkürzungen erklärt.
Den für außenstehende Nicht-Experten, ich war wohl der Einzige im Saal, nicht direkt zugängliche Fachvortrag wurde durch äußerst anspruchsvolle Fotos der entsprechenden Vögel in besonderem Maße aufgewertet.
Verständlicher wurde es für mich wieder, als Vögel den unterschiedlichen geografischen Räumen zugeordnet wurden: Vögel der Agrarlandschaft, der Feuchtgebiete, Vögel der Gesteinsbiotope und Abgrabungen, dann die Vögel der Kleingehölze und in unseren Siedlungsräumen und – sie dürfen in Rheinland-Pfalz natürlich nicht fehlen – die Vögel der Wälder. In diesen Kapiteln sind die jeweiligen konkreten Handlungsempfehlungen niedergeschrieben.
Um mich ein drittes und letztes Mal als interessierten Normalsterblichen unter den Vogelmenschen zu outen: Ich habe an diesem Abend sehr viele Vogelnamen zum ersten Mal gehört, nachhaltig in Erinnerung blieb mir aber im Kontext der Wälder der Tannenhäher. (Ich hätte ihn wahrscheinlich für einen Star gehalten.)
Vorgestellte Resultate der Studie:
- Nur gut ein Drittel der rheinland-pfälzischen Brutvogelarten zeigt eine günstige Populationsentwicklung
- Es sind mehr Vögel vom Aussterben bedroht als stark gefährdet / gefährdet
- Größte Risikofaktoren: intensive Landwirtschaft (Weinbau) und Klimawandel
è Den größten Anteil gefährdeter Arten gibt es unter den Vögeln der Agrarlandschaft
è Der Klimawandel bedroht vor allem den Sektor Wald (Fichtensterben)

Im Verlauf des Vortrages fragte ich mich natürlich, woher die Daten für dieses statistische Werk einer Roten Liste kommen. Was ist die Quellengrundlage, wie sieht die Erhebungsgrundlage aus?
Für die Anwesenden lag die Antwort auf der Hand, bzw. stellte sich diese frage gar nicht. Ich lernte: Die ganze Arbeit basiert im Wesentlichen auf dem Einsatz von Menschen im Ehrenamt, Einzelpersonen oder Vereinigungen, die sich im Rahmen des Vogelmonitorings / der Vogelbeobachtung für aktiven Naur- und Umweltschutz vor Ort engagieren. (Als Sorgenkind in diesem Kontext wurde der Hunsrück genannt.)
Im Zuge dessen wurde vom Referenten auch die Problematik ornithologisch-motivierter Apps erläutert. Diese Apps sind fehleranfällig und in ihrer Entwicklung sehr langsam. Aber: Zum Einstieg in die wunderbare Welt der Vögel, zum Lernen und beobachten sind die letztlich gut, besser als nichts – aber in ihrem Gebrauch weiterhin kritisch zu hinterfragen.
Am Ende der anschließenden Fragerunde, die zunächst von statistischen Fachfragen geprägt war, meldeten sich aber noch diejenigen Hörer zu Wort, die vor Ort in den Gärten, auf Feldern und in Wäldern für die Erhebungsgrundlage der Roten Liste sorgen. Sie gaben insbesondere Einblicke in die Probleme vor Ort mit Kommunen und deren Einrichtungen („Hemdsärmlichkeit in den Kommunen“). Wie umgehen mit dem Personalmangel in der Unteren Naturschutzbehörde? Wie umgehen mit renitenten, uneinsichtigen und damit dummnaiven Hundehaltern während der Brut- und Setzzeit? Kurioserweise wurden auch Fallbeispiele aus der Praxis vorgetragen, die kein gutes Licht auf die Vertreter der Forstwirtschaft werfen – von denen man doch annahm, mit ihnen in Sachen Natur- und Umweltschutz an einem Strang zu ziehen(„alter Adel“ – „sie wissen nicht, was sie anrichten“). Offenbar überwiegen hier doch immer mehr ökonomische, privat-wirtschaftliche Faktoren.
Als ein Fragensteller die Diskussion in eine zu begrüßende kontroverse Richtung lenkte und dafür viel Applaus bekam, musste doch der Referent im Speziellen und das zuständige Amt im Allgemeinen eingestehen, hier der falsche Ansprechpartner zu sein. Man sei nur für die Erhebung des Sachstands zuständig und gebe dadurch Handlungsempfehlungen.
Allerdings muss ich sagen, dass dieses nichtvorhandene Entgegenkomme und Schulterzucken denjenigen gegenüber, die man als ehrenamtliche Grundlage für die Arbeit braucht, reichlich verstörend war.
Und wo waren an diesem Abend die gewählten Volksvertreter als Entscheidungsträger, um Lehren aus der vorgestellten Studie zu ziehen und Konsequenzen anzukündigen? Um die Handlungsempfehlung entgegenzunehmen?
Leider wurde der aufkommende und kontroverse Austausch der anwesenden Gäste untereinander, zügig durch das Beenden der Veranstaltung unterbunden. „Tapfer bleiben“ war die Devise, die man sich als letztes untereinander zurief.
Als vorletzte Positionen dieses Textes möchte ich nochmals auf die gezeigten Fotos zu sprechen kommen: Wie gesagt, sind sie in der Publikation graphisch, nominell und ästhetisch bestmöglich dargestellt. Aber warum achten Vogelfotografen in besonderer Weise darauf, den zu zeigenden Vogel mit offenem Schnabel darzustellen? Natürlich gibt das in gewisser Weise etwas Interaktion wieder oder der Betrachter soll sich den Vogelgesang vorstellen. Offene Schnäbel in breiter Masse zu sehen nervt aber irgendwann nur!
Interessant, auch aus fotografischer Sicht, war am Ende des Vortrags noch der Rückweg ins Erdgeschoss und zum Ausgang des Museums: Die Exponate auf dieser kurzen Strecke des Naturkundemuseums sind um diese Zeit wunderbar ausgeleuchtet – hinzu kam das angenehme Gefühl vom „alleine-unterwegs-sein“ nachts im Museum.
