- ein Plädoyer für Friedhofs- und Erinnerungskultur in Weiskirchen
Friedhöfe werden oft dann als „schön“ empfunden, wenn sie alte Gräber bewahren. Alte Namen, ungewöhnliche Formen und Symbole. Etwas für das Auge, für unseren Geist. Von allen Friedhofsbesuchern wird es auch als angenehm empfunden, sich in einem gewissen park- oder gartenartigen Areal, etwa unter alten, hohen Bäumen, „im Grünen“ aufzuhalten und zu verweilen.
In Weiskirchen ist das anders. Der Friedhof in Weiskirchen ist nicht schön. Warum nicht?
Nach Ablauf der Ruhezeit sind die Angehörigen der Verstorbenen angehalten, die jeweiligen Gräber aufzulösen. Grabsteine werden zerschlagen und entsorgt. „Fottgemacht“ – wie man in Weiskirchen sagt. Unglücklicherweise war von diesem Prozedere vor einiger Zeit, in einer Art vorauseilenden Gehorsams, auch das Grab meines Opas Franz Spang betroffen. Dadurch verschwinden in Weiskirchen alte Gräber vollständig, die zu einer Aufwertung des Areals beitragen würden. An dieser Stelle könnte ich durchaus noch weiter ausholen und vom Grabstein als (kunst-) historische Quelle referieren. Wichtig ist aber: Wo Gräber und Grabsteine verschwinden, da verschwinden auch Erinnerungen. Da verschwindet eine Verbindung in der Bevölkerung zu seiner Vergangenheit. Da geht ein stück lokaler Geschichte, kollektiver Erinnerung verloren.
Nach einem Familiengrab (Scherer) und zwei Gräbern mit Grabplatten (Barbara Mehrfeld und Werner Jost) ist der Grabstein von Augusta Haack einer der ältesten verbliebenen Grabsteine in Weiskirchen (90er-Jahre). Auch er ist von drohender Vernichtung betroffen.
Immer, wenn ich in Weiskirchen zu Besuch bin und nachdem ich die Kriegsgräberstätte aufgesucht habe (hier kenne ich viele der verstorbenen Soldaten und deren Schicksale), gehe ich über den Friedhof – nur um nachzusehen, ob Augusta noch da ist.

Wer war Augusta?
Sie war eine Tochter von Jakob Haack und dessen Frau Dorothea aus dem Hohlweg („Haacks-Dott“) - sie betrieben einen Gemischtwarenladen am Marktplatz in Weiskirchen. Ihre Geschwister waren Emilie und Arthur.
Augusta blieb Single, was bedeutet, dass sie ihr Leben selbst in die Hand nahm. Sie war stark und machte genau das, was ihr im Leben wichtig war. Im Rahmen der Arbeit mit Zeitzeugen in Weiskirchen wurde mir erzählt, dass sie bis zu ihrer Pensionierung in sozialen Berufen in Trier arbeitete, u.a. kümmerte sie sich um sozial benachteiligte Familien. Sie wohnte dort in Zewen und kehrte erst im Alter nach Weiskirchen zurück.
Ihr verbliebender Grabstein steht heute stellvertretend für eine grundlegende Frage: Wie geht eine Gemeinde mit kulturellem Erbe um?
Nach über 850 besuchten Friedhöfen in Deutschland und den umliegenden Ländern kann ich sagen: Der Friedhof in Weiskirchen ist eine Katastrophe. (laut chatgpt soll ich an dieser Stelle besser sagen, dass der Friedhof erhebliche gestalterische Defizite aufweist und dass er historische Tiefe und Atmosphäre vermissen lässt – auch das trifft zu.)
Ein erster, konkreter Schritt wäre der dauerhafte Erhalt des Grabsteins von Augusta Haack – idealerweise an seinem ursprünglichen Ort. Alternativ könnte der Stein gesichert und an geeigneter Stelle, etwa entlang einer Friedhofsmauer, aufgestellt werden. Solche Lösungen sind andernorts gängige Praxis und ohne großen Aufwand umsetzbar. Gleichzeitig würde dies ein sichtbares Zeichen setzen: für den bewussteren Umgang mit Geschichte und für eine qualitative Aufwertung des Friedhofs.
Ein weiterer Schritt wäre das Aufheben der Auflösungspflicht von Gräbern. Früher wurde das mit Platzmangel begründet, aber davon kann heute keine Rede mehr sein – auf dem Friedhof in Weiskirchen ist, im Rahmen neuer Bestattungsmöglichkeiten, Platz genug für alle da.
Insbesondere künstlerisch wertvolle, optisch ansprechende Grabsteine – das wäre doch wirklich wünschenswert – sollen künftig bitte erhalten bleiben – sollen von den Angehörigen der Verstorbenen nicht mehr „fottgemacht“ werden müssen.
Es wäre wünschenswert, den Denkprozess bei den verantwortlichen Personen dahingehend anzuregen, kulturhistorisch richtig, oder doch zumindest vernünftig zu handeln – damit der Friedhof in Weiskirchen einmal als „schön“ empfunden werden kann.
Und damit einhergehend gibt es noch etliche weitere wichtige Punkte aus dem Bereich von Natur- und Umweltschutz, die wunderbar auf der Weiskircher Friedhofsfläche umgesetzt werden können.
Augusta bleibt standhaft.
