
„The question is not, Can they reason?, nor Can they talk? but, Can they suffer?”
Berichtende Zusammenfassung des Vortrags von Dr. Gerhard Kümmel („Tiere in Krieg und Militär: Opfer, Helfer, Täter“) am 3. Juni 2026 an der Uni Mainz. Der Vortrag war der Schlusspunkt einer Vortragsreihe des Instituts für Geschichtliche Landeskunde.
Zu Beginn des Vortrags stellte der Referent einen Gegenwartsbezug her und berichtete über die Situation der Tiere in der Ukraine. Was passiert dort gegenwärtig mit Haustieren, Zootieren und Wildtieren im gesamten Land?
In diesem Kontext ging es dann medias in res und es wurde eine Quelle zitiert, die vom Einsatz der Delfine für die Russen berichtete – es ging um deren Haltung in Unterwasserkäfigen im Hafen von Sewastopol (Krim) zur Überwachung und zur Ortung von Minen. Das Programm wurde bereits zu Sowjetzeiten erprobt und wird nun umgesetzt.
Für die ukrainische Seite wurde das Wirken des Jack Russell Terrier „Patron“ in den Vordergrund gerückt, der durch seine Arbeit bei der ukrainischen Katastrophenschutzbehörde weltweit bekannt wurde. Seine Aufgabe besteht darin, Sprengstoffe zu erschnüffeln und die Einsatzkräfte auf mögliche Gefahren hinzuweisen. „Patron“ erhielt mehrere Ehrungen und Auszeichnungen. Er wurde zu einer Symbolfigur für die Arbeit von Minenräumern und Rettungskräften in der Ukraine.

Der Vortrag gliederte sich dann wie folgt: Kleintiere – Brieftauben – Hunde – Elefanten, Kamele / Dromedare / Pferde und die aktuelle Situation bei der Bundeswehr.
Im Kontext der Kleintiere erzählte der Referent von Schnecken, also Nacktschnecken – denn im Ersten Weltkrieg stellte man fest, dass sie auf bestimmte Kampfstoffe – darunter auch Senfgas – empfindlicher reagierten als Menschen. Sie zeigten bereits bei sehr geringen Konzentrationen auffällige Verhaltensänderungen: Kontraktionen, Schließen der Atemöffnungen, Unruhe.
Folglich war die Idee, dass Soldaten diese Reaktionen als Frühwarnsystem nutzen konnten: Wenn die Tiere ungewöhnlich reagierten, setzte man vorsorglich die Gasmaske auf. Das war besonders wichtig, weil Senfgas oft erst Stunden nach der Exposition Beschwerden verursachte und daher schwer zu erkennen war.
Gegen Blausäure und Kohlenstoffmonoxid wurden, wie im Bergbau, Kanarienvögel eingesetzt.
Es folgten dann die Schilderungen über Hunde, die, auch im Kontext des Ersten Weltkriegs, als Sanitäts- und Meldehunde verwendet wurden. In diesem Abschnitt ging es auch um Sergeant Stubby. Wer war nun dieser Hund?
Sergeant Stubby war einer der berühmtesten Kriegshunde des Ersten Weltkriegs. Er war ein Mischlingshund, der 1917 von amerikanischen Soldaten auf einem Truppenübungsplatz in den USA gefunden wurde und später mit der 102nd Infantry Regiment ganz offiziell in Frankreich diente.
Er wurde dadurch zu einem Symbol für die Rolle von Tieren im Krieg – ähnlich wie Brieftauben, Pferde oder andere Diensthunde.
„Besonders interessant waren die Ausführungen zu den Brieftauben.“ – nicht nur handschriftlich verfasste Zettel transportierten sie zwischen den Stellungen hin und her und von der vordersten Linie zur Artillerie. Nein. Man ließ sie auch mit automatischen Kameras aufsteigen, sie wogen nur einige Dutzende Gramm und über einen Zeitauslöser kam man so zu Fotos von der gegnerischen Seite.
Auch im Zweiten Weltkrieg griff man zur Nachrichtenüberbringung auf die Taubenpost zurück. Allein die US-amerikanische Armee unterhielt 54.000 Brieftauben sowie 3.000 Soldaten und 150 Offiziere, die Teil des US Army Pigeon Service waren. In der britischen Armee waren gar bis zu 250.000 Brieftauben zu militärischen Zwecken im Einsatz. Im Zweiten Weltkrieg wurden Brieftauben zum Nachrichtentransport auch zunehmend in der Nacht eingesetzt, um größere Verluste durch Beschuss zu vermeiden. Die deutsche Armee hatte sich jedoch im Vorfeld des Krieges speziell auf den Einsatz von feindlichen Brieftauben vorbereitet. Man dressierte Falken, die die Brieftauben im Flug attackieren sollten. Während des Krieges zeigte sich diese Methode als äußerst effektiv.
Die beiden Weltkriege bildeten das letzte große Einsatzgebiet der Taubenpost zu militärischen Zwecken. Es gab schätzungsweise 100.000 Brieftauben im Ersten Weltkrieg zur Nachrichtenübermittlung. Ihre Erfolgsrate bei der Überbringung von Nachrichten lag bei ungefähr 95 Prozent. Zu ihren Ehren wurden mehrere Denkmäler errichtet, deren größtes im französischen Lille steht. Seit 1939 gibt es auch in Berlin-Spandau ein Denkmal für die deutschen Brieftauben des Krieges.
Woran wohl jeder vor dem Besuch dieser Veranstaltung dachte: Elefanten. Sie wurden bereits viele Jahrhunderte vor Christus in Indien eingesetzt. Wir kennen ihren Einsatz auf der karthagischen Seite in den punischen Kriegen und die damit verbundene Alpenüberquerung. Auch der Alexander-Zug kam in Indien mit Elefanten in Berührung – was ihren Anführer stark beeindruckt hatte.
Im Reich der Khmer sind Kampfelefanten bis in das 12. Jahrhundert belegt, in Thailand bis ins 16. Jahrhundert, im besagten Indien bis ins 17. Jahrhundert und in Siam nutzte man sie noch im 19. Jahrhundert.
Bevor die Sprache auf die Pferde kam, wurde zunächst erläutert, dass in Indien und Nahost Kamele und Dromedare noch ganz regulär zur Truppe gehören.
Den Pferden wurde sodann die größte militärische Bedeutung im Laufe der Jahrhunderte beigemessen. Alleine vom Kontext räumlicher Ausdehnung her, vgl. Alexander der Große und Dschingis Kahn.
Ab dem 17. bis ins 19. Jahrhundert gab es die Truppengattung der Kavallerie.
In den beiden Weltkriegen waren Pferde unverzichtbare Last- und Zugtiere – allen motorisierten Möglichkeiten zum Trotz: Ohne Pferde ging es nicht.
In den ersten Kriegsjahren (WK II) gab es auch die berüchtigte SS-Kavallerie-Brigade, deren Soldaten (nicht die Pferde) einiges an verbrecherischem Schindluder im Osten trieben.
Erwähnt wurden auch die Künste der amerikanischen Ureinwohner in Sachen Mustang-Zähmung, Pferdezucht und deren Ausbildung – nachdem die Konquistadoren Pferde ab dem 16. Jahrhundert auf diesen Kontinent brachten. Vor allem die Komantschen wurden herausragende Pferdezüchter und Jäger zu Pferd.
Neben den Namen der Pferde von Winnetou und Old Shatterhand wurde auch noch „Marengo“, der Schimmelhengst von Napoleon, als Beispiel von Glorifizierung von Tieren, ins Spiel gebracht.
Benannt wurde Marengo nach der Schlacht bei Marengo. Trotz eines Streifschusses, der zugleich Napoleons Stiefel traf, erwies sich der Schimmel in der umkämpften Schlacht als ungewöhnlich zuverlässig. Marengo wird als schnell, geschickt, mutig und schussfest beschrieben. Er wurde achtmal in der Schlacht verwundet. Berichten zufolge war Marengo in der Lage, die Strecke von 129 km in fünf Stunden zu galoppieren. Er trug Napoleon in den Schlachten von Austerlitz, Jena und Wagram und überlebte den Russlandfeldzug.
Bei Waterloo wurde Marengo vom Gegner erbeutet. Im Alter von 38 Jahren starb das Pferd in England, wo sein Skelett heute im National Army Museum gezeigt wird.
Nach diesen historischen Ausführungen wurde zuletzt der Blick auf die Bundeswehr gelenkt. „Wie viele Pferde hat heute noch die Bundeswehr?“ – wurde später von einem Zuhörer gefragt. Es sollen ein paar dutzend sein. Pferde und Maultiere werden in erster Linie von den Gebirgsjägern (Bad Reichenhall) als Lastentiere genutzt.
Natürlich verrichten auch weiterhin Hunde, ähnliche wie die der Polizei, bei der Bundeswehr ihren Dienst.
Beide, Hunde und Pferde, erfüllen auch ihren Zweck in der Traumatherapie.
Die Ausführungen des Referenten endeten nach etwa 45 Minuten mit einem erneuten Gegenwartsbezug:
Zum einen wurde auf den Spielberg-Film „Gefährten“ (2011) eingegangen, der in besonderem Maße auf die moralische Komponente von Tieren, in diesem Fall einem Pferd (im 1. Weltkrieg) eingeht.
Zum anderen wurde das „Animals in War Memorial“ (London Hyde Park, nahe Marble Arch) vorgestellt, dass 2004 durch Prinzessin Anne enthüllt wurde. Seine Inschrift lautet wie folgt:
„This monument is dedicated to all the animals that served and died alongside British and allied forces in wars and campaigns throughout time“ - „They had no choice“
Als weiterführende Literatur wurde Grimm / Wild: Tierethik empfohlen sowie Kockel / Hahn: Tierethik. Der Comic zu Debatte. Und den Zuhörern wurde folgende Fragen mit auf den Weg gegeben: Gehören Tiere in den Kreis unserer ethisch-moralischen Gemeinschaft? Und wenn ja, welche Tiere und welche Tiere nicht?
Den Schlusspunkt setzte der Referent mit einem Zitat (1828) des Engländers Jeremy Benthams, der sich u.a. für Tierrechte einsetzte:
Es mag der Tag kommen, an dem man begreift, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder das Ende des Kreuzbeins gleichermaßen ungenügende Argumente sind, um ein empfindendes Wesen dem gleichen Schicksal zu überlassen. Warum soll sonst die unüberwindbare Grenze gerade hier liegen? Ist es die Fähigkeit zu denken oder vielleicht die Fähigkeit zu reden? Aber ein ausgewachsenes Pferd oder ein Hund sind unvergleichlich vernünftigere sowie mitteilsamere Tiere als ein einen Tag, eine Woche, oder gar einen Monat alter Säugling. Aber angenommen dies wäre nicht so, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht 'Können sie denken?' oder 'Können sie reden?', sondern ‚Können sie leiden?.“
Meine Frage an den Referenten zielte darauf ab zu erfahren, ob ihm denn aus seinem Erfahrungsschatz dieses Thema betreffend etwas bekannt darüber sei, ob es zu irgendeiner Zeit auch mal Absprachen in kriegerischen Situationen gab – im Sinne eines „gentlemen agreement“ etwa zu Ritters- oder Napoleosnzeiten – um die Tiere zu verschonen.
Die Antwort wurde dann zu einer Umschreibung der gezielten Tötungen / Schädigungen der Tiere in den unterschiedlichen Konflikten – oder wie man sie dagegen schützen konnte („Ritterrüstung“ für Pferde).
Weil der Historiker in mir, ausgebildet an eben jener Universität vor Ort, es aber nun wirklich etwas genauer wissen wollte, auch mit dem Verweis auf die enormen Kosten der Reiterei und ihrem „edlen Wesen“ zu allen Zeiten, formulierte ich noch die ein oder andere Nachfrage – aber letztlich war die Antwort auf die Frage nach einer gegenseitige Schonung der Tiere im Kampfeinsatz ein „nein“.
Der aufmerksame Leser fragt sich nun sicherlich, was es denn mit den Glühwürmchen aus der Überschrift auf sich hat; nun, sie spendeten in dunklen Situationen Licht. Wenig Licht zwar, aber doch so viel, dass man sich etwas orientieren konnte. Und auch an dem, wofür das Licht symbolisch steht: Hoffnung, Leben, Rettung – aber bitte auch: Erkenntnis, Wahrheit, Orientierung, Neubeginn.
Fazit: Der souveräne und in sich ruhende Referent bot einen kurzweiligen Einblick in die Thematik an sinnvoll gewählten Beispielen. Einstieg und Ausstieg mit Gegenwartsbezügen stimmten ein - und stimmten nachdenklich – waren gelungen.
Im Kontext des Veranstalters und der Veranstaltungsreihe hätte ich mir einen gewissen Tiefgang, insbesondere auch in Schriftquellen, gewünscht. Hiervon zeugte nur der Verweis auf Plinius – mit welcher Methode man Kriegselefanten zutiefst verstören und damit unschädlich machen konnte. Ich persönliche hätte mir von einem historischen Vortrag eine engere Arbeit an Schriftquellen der jeweiligen Epochen gewünscht.
Danke in jedem Fall für diesen Vortrag, dessen Inhalte die Zuhörer sicherlich nachdenklich zurückließen. Und der dazu beitragen kann, Zukunft weiter aufgeklärter zu gestalten.

